Frans Eemil Sillanpää, Jung entschlafen

Zu Weihnachten hat sich der Guggolz Verlag dieses Buch selbst geschenkt, und die Lektorin hat es sehr gerne Korrektur gelesen …

Das Belegexemplar im herbstlichen Garten

Frans Eemil Sillanpää
Jung entschlafen
OT: Nuorena nukkunut (1931)
Aus dem Finnischen von Reetta Karjalainen
Nachwort von Sebastian Guggolz
409 Seiten, 24 €
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen
ISBN 978-3-945370-14-8

Frans Eemil Sillanpää (1888–1964) hat mit »Jung entschlafen« seiner großen finnischen Erzählung einen weiteren Baustein zugefügt. Der Schwindsuchttod des 22-jährigen schönen Landmädchens Silja steht am Anfang des Romans und auch am Ende. Sein Untertitel lautete »Eines Stammbaums letzter Trieb«, und der Roman beginnt mit dem Unglück der Eltern, einfacher Bauern, die ihren Hof verlieren und nacheinander sterben. Silja, die einzige Tochter, muss sich nun als Dienstmädchen auf fremden Höfen durchschlagen, bis sie in den Haushalt eines freundlichen alleinstehenden Professors kommt. Dort erlebt sie zu Mittsommer ihre erste Liebe mit dem Studenten Armas, der zur Sommerfrische aufs Land gekommen ist. Armas zieht aber am Ende des Sommers in den Krieg und wird verwundet. Auch an Silja geht das Kriegsjahr 1917 nicht spurlos vorüber, sie gerät zwischen die Fronten, weil sie ihrer inneren Stimme der Menschlichkeit folgt und sich von keiner Partei vereinnahmen lässt.

Auch Sillanpää schlägt sich auf keine Seite, sondern bleibt ganz nah bei seiner Protagonistin Silja, deren Schicksal wir Leser dadurch hautnah miterleben. Er lässt mit seiner unnachahmlichen Sensibilität für die Figuren aber auch für die Beschreibungen der Emotionen die Aufregung der ersten Liebe, die widersprüchlichen Gefühle in der Mittsommernacht und die Traurigkeit über das Scheitern so greifbar vor uns Lesern entstehen, dass wir uns mitten hineinversetzt sehen. Reetta Karjalainen hat erstmals die vollständige Fassung ins Deutsche gebracht, die uns Sillanpääs ganze Kunst der Einfühlung und der Zuneigung den Menschen gegenüber vor Augen führt.

Frans Eemil Sillanpää (1888–1964) ist der bisher einzige finnische Literaturnobelpreisträger. Als Sohn einfacher Hofbesitzer wurde er zur Schulbildung ans Gymnasium nach Tampere und anschließend für ein Studium der Medizin an die kaiserliche Alexander-Universität nach Helsinki geschickt. Er brach das Studium ab, kehrte zurück aufs Land, gründet dort eine Familie und begann literarisch zu arbeiten. 1919 entstand der Roman »Frommes Elend«. 1923 »Hiltu und Ragnar« ein kurzer Spin-Off-Roman, in dem Sillanpää das Schicksal von Hiltu, einer Nebenfigur aus »Frommes Elend«, weiterverfolgte. 1931 nahm er den Faden wieder auf und schrieb mit »Jung entschlafen« das Gegenstück zu »Frommes Elend«, das in der gleichen Zeit spielt und das junge Hausmädchen Silja als Protagonistin hat. 1939 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur zugesprochen, für den er seit 1930 wiederholt vorgeschlagen worden war. Er verfiel dem Alkohol, verbrachte die Jahre 1940 bis 1943 in der Psychiatrie und schrieb danach so gut wie gar nicht mehr. Dennoch blieb er in Finnland bis zu seinem Tod 1964 populär, weil er als »Taata Sillanpää« (Opa Sillanpää) immer zu Weihnachten im nationalen Radio sprach.

Buchmessen-Nachlese

Die Frankfurter Buchmesse war in diesem Jahr ganz anders – schön und erschreckend zugleich –, weshalb es erstmals einen kleinen Nach-Messe-Bericht gibt:

Lesungsankündigung im Odradek in Chemnitz

Erst einmal das Schönste: Die Lektorin hatte die angenehmste Reisebegleitung und die besten Gastgeber, die man sich denken kann. Schön, wenn Autorinnen und Autoren sie auch nach der gemeinsamen Zusammenarbeit noch mögen … Danke, liebe Manja, lieber Markus, für alles!

Auf dem Hinweg gab es dann auch einen kurzen Zwischenstopp für die Lesung von Manja Präkels aus „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ in Chemnitz. (Mit dem Buch hat die Lektorin übrigens nur ganz am Rande was zu tun, sie kann es also allen guten Gewissens sehr ans Herz legen.)

Ebenfalls wundervoll waren die beiden in Zusammenarbeit mit dem Verbrecher Verlag gestalteten Lesungsabende im Knobbe (SIKS e. V.) – es ist unendlich traurig, dass es diesen Ort im nächsten Jahr nicht mehr geben wird …

Die Bücher, die die Lektorin betreut hat, fanden sich in diesem Jahr verteilt auf verschiedene Stände in Halle 4.1. Sie gleichsam in mehreren kleinen – oder größeren – Rudeln in „freier Wildbahn“ anzutreffen, war etwas ganz Besonderes.

In der Galerie hat sie die Sichtungen dokumentiert:

Überhaupt nicht schön: Die Präsenz der rechten Verlage auf der Messe und deren sehr gezielte Provokationen. Sollte die Buchmesse sich entscheiden, ihnen im nächsten Jahr erneut eine solche Bühne zu bieten, wird sich jede*r (Verlage, Bloger*innen, Besucher*innen) von uns überlegen müssen, wie sie*er damit umgeht/umgehen kann/umgehen sollte.

So lange bleibt: #gegenrechts! Am besten gemeinsam!

Catherine Millet, Traumhafte Kindheit

Und noch einen dritten Titel aus dem Herbstprogramm des Secession Verlags hat die Lektorin Korrektur gelesen. Er ist ebenfalls zum Frankreich-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse erschienen. Es war der Lektorin eine besondere Freude, die bekannte Autorin während der Messe kennenzulernen:

Catherine Millet
Traumhafte Kindheit
(OT: Une enfance de rêve)
aus dem Französischen von Paul Sourzac
Roman
gebunden ohne Schutzumschlag
240 Seiten; 22,00 €
ISBN 978-3-906910-12-3

Nach den Welterfolgen »Das sexuelle Leben der Catherine M.« und »Eifersucht« rekapituliert Catherine Millet in ihrem neuen Roman ihre Kindheit und setzt mit schonungsloser Offenheit das Schreiben über das eigene Leben fort. Aufgewachsen ist sie in den 50er- und 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in äußerst beengten Verhältnissen in einem Pariser Vorort. In ihrer Familie regieren Streit und verbale Entgleisungen. So lernt sie früh, das Erlebte aus großer Distanz zu betrachten und dem Betrachteten im Erzählen eine neue Form zu geben. Mit der Präzision einer Forscherin nimmt sie ihr Umfeld in den Blick und macht auch bei ihrer eigenen Person keine Ausnahme. Catherine Millet schreibt von der Einsamkeit, dem Glauben, der kindlichen Ratlosigkeit, von diffusen Schuld- und Schamgefühlen, von Ängsten und dem Ringen, diese zu überwinden.

»Traumhafte Kindheit« ist ein intimer Reifungsbericht, der die Entwicklung der Wahrnehmung, der Gefühle und des Bewusstseins in ihrer ganzen Komplexität ergründet und die Herausbildung einer Persönlichkeit anhand packend erzählter Episoden reflektiert.

Catherine Millet (geb. 1948 in Bois-Colombes) ist Gründerin und Chefredakteurin der Kunstzeitschrift artpress. Sie ist Autorin zahlreicher Werke zur Kunstwissenschaft und gilt als herausragende Expertin für moderne Kunst. Ihr Buch »Das sexuelle Leben der Catherine M.« wurde in 33 Sprachen übersetzt und erreichte Millionenauflagen. Zuletzt erschien ihr autobiografischer Roman »Eifersucht«. Sie lebt in Paris.

Michael Stauffer, Jeden Tag das Universum begrüßen

Diesen Titel aus dem Verlag Voland & Quist durfte die Lektorin Korrektur lesen:

Michael Stauffer
Jeden Tag das Universum begrüßen
gebunden
368 Seiten, 22,00 €
978-3-863911-86-7

»Wenn ein Buch kein Rätsel bleibt, ist es kein Buch. Schreiben ist wie den nächtlichen Sternenhimmel anschauen. Da kann man auch nichts planen. Da kann man nur staunen. Schreiben ist die Zusammenfassung von Zukunft und Vergangenheit. Ein Buch wird zur Ver­fügung gestellt, damit andere damit weiterarbeiten. So profitieren alle. Der Leser selbst, weil er sich mal lachend, mal schnaubend, mal zustimmend, mal schimpfend durch den Text bewegt. Der Autor, der mit dem Verkaufserlös ein Haus aus Schokolade bauen, sich langsam hindurchfressen und dann die Versicherung anrufen und sagen kann: Es waren die Termiten!«

Michael Stauffer, geboren 1972 in Winterthur (CH), schreibt Prosa, Theaterstücke, Lyrik und macht Hörspiele fürs Radio und Spoken-Word-Performances. Er unterrichtet am Schweizerischen Literaturinstitut der Hochschule der Künste Bern. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Open-Mike-Preis der Literaturwerkstatt Berlin, dem Förderpreis Komische Literatur zum Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor und dem Literaturpreis des Kanton Bern. Zuletzt erschien sein Roman »Pilgerreise«. »Dichterstauffer« lebt und arbeitet in der Schweiz und Europa.