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Neuerscheinungen zur Buchmesse

Zur Leipziger Buchmesse trudeln gleich drei Neuerscheinungen auf einmal im Verbrecher Verlag ein, an denen die Lektorin die letzten Monate gearbeitet hat. Und: Eine ist schöner als die andere!

  • Das Buch mit dem schönsten Cover und den schönsten Bildern ist sicher die Graphic Novel von Dietmar Dath und Oliver Scheibler. Außerdem ist es Dietmar Dath:

Cover_Dath_Scheibler_Mensch wie GrasMensch wie Gras wie
Dietmar Dath / Oliver Scheibler
Hardcover
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-943167-76-4

»Mensch wie Gras wie« ist eine Graphic Novel über Forschung, Technik, Geld und Liebe. Die Biologin Elin Elwert arbeitet an gentechnisch veränderten Pflanzen und anderen Organismen – eine fundamentale Umwälzung der Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie steht bevor. Elin lebt mit dem Bioinformatiker Thomas Schäfer zusammen – seelisch und körperlich aber gelingt es ihr nicht, die ältere, sehr komplizierte Beziehung zu Martin/Martina Riede loszulassen – eine Liebe, die sich nicht in die emotionalen und erotischen Standards einpassen lässt, die in Elins Arbeits- und sonstigem Lebensumfeld gelten.

Im Laufe der Handlung, die sich wie ein Puzzle aus Erinnerungen und intensiven Erlebnissen zusammensetzt, kollabiert die Sehnsucht nach einem anderen Leben als dem vorgefertigten: In einem Szenario, das den direkten Eingriff von Geld und Macht ins Lebendige als eine Katastrophe zeigt, die auch das Geld und die Macht nicht stabil kontrollieren können – und in der unerwartete Durchgänge in etwas anderes, etwas Unvorhergesehenes zu finden sind. Die Geschichte wird nicht als abstrakte, spekulative Anklage des Vorhandenen erzählt, sondern in visueller Traumschau, in Sprüngen, Trips, Schocks und Rätseln.

Im Anhang erzählt Dietmar Dath von der Verwandlung des Erzählens durch das praktische Zusammendenken von Bildern und Worten – ein persönlicher Bericht von den Überraschungen und dem Lernen beim Arbeiten an der Form »Comic«, wenn sie nicht einfach als Illustrationsverfahren, sondern als eigenständige Herausforderung an Schreiben, Denken und Empfinden ernst genommen wird.

  • Das Buch, das während der Arbeit der Lektorin die stärkste Veränderung erfahren hat, ist die komplette Überarbeitung des Debütromans von Benjamin Stein. Da ist die Lektorin wirklich stolz drauf.

Cover_Stein_Alphabet_220pxDas Alphabet des Rabbi Löw
Benjamin Stein
Leinen mit Lesebändchen, ca. 280 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-943167-79-5

Ein junger Mann trifft in seinem Stammlokal in Berlin-Kreuzberg einen Unbekannten, der sich ihm als ungewöhnliches Geburtstagsgeschenk für seine Frau aufdrängt: Jeden Dienstagabend wird er bei ihnen vorbeikommen und ihnen eine Geschichte in Fortsetzungen erzählen – Bezahlung: eine Flasche Wodka. Mit seinen wundersamen Geschichten entführt er seine Zuhörer von Berlin nach Prag und Budapest und durch das gesamte 20. Jahrhundert. In ihnen geht es um himmlische Paläste und unterirdische Städte, um Engel und Propheten, es wird geliebt, gehasst, verflucht, gestorben und gemordet. Während die Männer noch nach Liebe oder Erkenntnis suchen, haben die Frauen bereits gewählt – und bleiben am Ende doch allein. Und im Hintergrund zieht der Hohe Rabbi Löw von Prag samt Golem die Strippen und führt Regie.

Benjamin Stein verknüpft geschickt die einzelnen Stränge der verzweigten Geschichte und führt uns ein in die Welt des Erzählens und der Buchstaben, auf denen die Welt beruht – bis Wirklichkeit und Erzählung nicht mehr zu unterscheiden sind.

Mit »Das Alphabet des Rabbi Löw« liegt jetzt eine Komplettüberarbeitung des Debütromans von Benjamin Stein vor. Die Sprache ist dichter geworden, die Handlung klarer – ein großartiges Leseerlebnis.

  • Das amüsanteste Buch, das die Lektorin wirklich jedem empfehlen kann, ist der wunderbare neue Roman von Sarah Schmidt:

Cover_Schmidt_Eine TonneEine Tonne für Frau Scholz
Sarah Schmidt
Hardcover, 220 Seiten
Preis: 19,00 €
ISBN: 978-3-943167-78-8

Nina Krone wohnt im letzten unsanierten Mietshaus der Gegend, klar, dass man hier noch mit Kohle heizt. Und keiner der Nachbarn ist unter 50 Jahre alt. Eines Tages kann sie es nicht mehr ertragen, das Leiden an der Welt, das ihre Nachbarin, Frau Scholz, vor sich herträgt. Um ihr demonstratives Schnaufen beim Kohleschleppen nicht mehr mit ansehen zu müssen, beginnt sie damit, ihr jeden Tag einen Eimer Briketts vor die Tür zu stellen. Das freut Frau Scholz zuerst gar nicht, doch dadurch kommen sie ins Gespräch …

Auch Nina hat ihr Päckchen zu tragen: Ihre Arbeit frustriert sie, ihr Chef wird immer seltsamer und ihre Freunde, tja, da gibt es nicht viele. Sie steckt in einer Sinnkrise, und zu allem Überfluss konfrontiert ihr Sohn Rafi sie mit der Nachricht, dass er und sein Freund zusammen mit einem lesbischen Pärchen ein Kind bekommen möchten. Ihre Tochter Ella wiederum wirkt so diszipliniert und nur auf ihr berufliches Fortkommen fixiert, geradezu unheimlich …

Sarah Schmidts Roman »Eine Tonne für Frau Scholz« erzählt von einer Freundschaft zwischen den Generationen und von einer Familie, die aus den Fugen gerät. Ihre lebensnahen Schilderungen und Dialoge sind – wie immer – voller Komik und doch ganz ernst.

Hate Radio

Endlich ist das erste Buch da, das aus der Zusammenarbeit der Lektorin mit dem IIPM hervorgeht. Und dabei darf sie sich dann sogar Redakteurin nennen:

Cover_Rau_Hate RadioHate Radio
Milo Rau
Broschur, 256 Seiten
Preis: 18,00 €
ISBN: 978-3-943167-06-1

1994 fand in Ruanda ein Genozid statt. Welche Rolle spielte dabei der angesagte Radiosender RTLM, der internationale und kongolesische Hits von den besten DJs spielen ließ und über die coolsten Moderatoren des Landes verfügte? Wie kam es, dass gerade hier zum Massenmord an den Angehörigen der Tutsi-Minderheit und an gemäßigten Hutu aufgerufen wurde?

In seiner literarischen Dokumentation »Hate Radio« lässt Milo Rau Täter, Opfer und Augenzeugen zu Wort kommen und sucht nach den Ursachen und Entstehungsbedingungen des unvorstellbaren Genozids in Ruanda. Mehr Informationen zum Buch gibt es hier.

Das International Institute of Political Murder (IIPM) hat »Hate Radio« als Projekt mit Performance, Ausstellung, Film und Buch umgesetzt. Das IIPM wurde im Jahr 2007 mit Sitz in Berlin und Zürich gegründet, um den Austausch zwischen Theater, bildender Kunst, Film und Forschung auf dem Gebiet des Reenactments  – der Re-Inszenierung geschichtlicher Ereignisse – zu intensivieren und theoretisch zu reflektieren. Weitere Informationen zum IIPM unter: international-institute.de.

Am 6. April wird dann erstmals der Film »Hate Radio« von Milo Rau über sein gleichnamiges Theaterstück ausgestrahlt. Die Lektorin vermutet, dass der Film auf 3sat gezeigt wird – konnte das aber noch nicht verifizieren.

Familiengefühle

Sachbuch oder schon Fachbuch? Die Grenze ist fließend. Jetzt aber auf jeden Fall druckfrisch:

Cover_Süselbeck_FamiliengefühleFamiliengefühle
Generationengeschichte und NS-Erinnerung in den Medien
Jan Süselbeck (Hg.)
Broschur, 304 Seiten
Preis: 18,00 €
ISBN: 978-3-943167-81-8

Familienromane erregen Aufmerksamkeit. Sie werden in der Presse debattiert und avancieren zu preisgekrönten Bestsellern. Auch das Fernsehen folgt dem Trend. Besondere Bedeutung messen typische Plots der Rolle der NS-Verstrickung einer konstruierten ›Kriegsgeneration‹ von ›Eltern‹ oder ›Großeltern‹ zu, mit der sich deren ›Kinder‹ und ›Enkel‹ auseinandersetzen. Warum aber entwickeln diese Geschichten eine derartige Emotionalisierungskraft, und wie wird diese ästhetisch erzeugt? Welche Gefühle genau werden durch diese Darstellungen hervorgerufen?

Dieses Buch bietet kritische Beiträge zur Emotionalisierungskunst im Roman, im Comic und im Film. Neben Werken viel gelesener Autoren wie Arno Geiger, Bernhard Schlink und Uwe Timm werden dabei auch missverstandene oder bisher kaum beachtete Texte von Gisela Elsner, Thomas Harlan und Reinhard Jirgl untersucht.

Mit Beiträgen von Ole Frahm, Andrea Geier, Sieglinde Geisel, Hans-Joachim Hahn, Konstanze Hanitzsch, Urte Helduser, Markus Joch, Christine Künzel, Matthias N. Lorenz, Jan Süselbeck und Sabrina Wagner.

Mehr Informationen wie immer hier.

Und eine Buchvorstellung gibt es natürlich auch:

Mittwoch, 05.03.2014, 20:00 Uhr
Ort: Literaturforum im Brecht-Haus
Chausseestraße 125
10115 Berlin
www.lfbrecht.de

 

Peter O. Chotjewitz, Mein Freund Klaus

Für die Neuausgabe dieses wunderbaren Romans, der jetzt ganz frisch auf dem Tisch der Lektorin liegt, hat diese das Nachwort von Dietmar Dath Korrektur gelesen.

Chotjewitz_KlausPeter O. Chotjewitz
Mein Freund Klaus
Leinen mit Lesebändchen, 592 Seiten
Preis: 32,00 €
ISBN: 978-3-943167-46-7

Mit einem Nachwort von Dietmar Dath

Der Brisanz des Materials entspricht die Radikalität der literarischen Mittel. In diesem Roman liegen die Fakten auf dem Tisch. Stilsicher, kühn im Aufbau und dramaturgisch modern schreibt Chotjewitz über seinen Freund Klaus Croissant.

Klaus Croissant wurde als Strafverteidiger schikaniert, als angeblicher Drahtzieher des internationalen Terrorismus verfolgt und nach der Annexion der DDR durch die Bundesrepublik 1990 wegen staatsfeindlicher Agententätigkeit abermals verurteilt.

Penibel recherchiert, detailgetreu und in kühler Sprache erzählt, steht der Roman in einer Linie mit Chotjewitz’ skandalumwitterten Romanfragment über die RAF aus dem Jahr 1978 („Die Herren des Morgengrauens“). Von 1931 bis 2002 reicht der beklemmende Bilderbogen dieser deutschen Unrechtsgeschichte. Jeder Rechtsspruch ein Rechtsbruch.