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Christian Geissler, Schlachtvieh / Kalte Zeiten

Ein Buch, drei Texte: Drehbuch, Kurzroman und Nachwort. Alle drei von der Lektorin Korrektur gelesen bzw. lektoriert.

Cover_Geissler_SchlachtviehChristian Geissler
Schlachtvieh / Kalte Zeiten
Drehbuch und Roman
mit einem Nachwort von Michael Töteberg
Leinen mit Lesebändchen, 248 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-95732-016-2

Freitag in Hamburg-Wilhelmsburg: Der junge Bauarbeiter Jan Ahlers bekommt seine Lohntüte, legt eine Sonderschicht ein und träumt von einem größeren Auto. Seine Frau Renate kümmert sich währenddessen um den Haushalt, später verliert sie sich beim Stadtbummel in den Kaufangeboten. Ein Kind wäre schön, aber das kostet. Beide sind gefangen in Konsumwünschen und verraten dabei ihre Liebe und sich selbst – das ist der Roman „Kalte Zeiten“.

Reisende in einem Zug. Einige Abteile sind versperrt, die Fenster lassen sich nicht öffnen, dann ist die Fernsprechverbindung unterbrochen, und die Fahrgäste hören unheimliche Durchsagen. Einige fragen sich, was los ist, diskutieren und wollen der Sache auf den Grund gehen. Das Schreibabteilmädchen versucht sogar, die Notbremse zu ziehen und wird festgesetzt. Die Mehrheit aber will die Reise einfach fortsetzen, mit dem Segen eines Kirchenmannes – das ist das Drehbuch „Schlachtvieh“.

Als der Brecht-Schüler Egon Monk 1960 Leiter der NDR-Fernsehspielabteilung wurde, begann er mit einer Umsetzung von Christian Geisslers erstem Roman „Anfrage“. Darauf folgten bis Mitte der 70er-Jahre weitere Fernseharbeiten Geisslers, die großen Einfluss auf seine spätere Prosa hatten. Unter dem Eindruck der Wiederbewaffnung Deutschlands schrieb Geissler 1963 das Drehbuch „Schlachtvieh“, ein Lehrstück. Warum wehrt sich kaum jemand, wenn die eigenen Interessen mit Füßen getreten werden? Auf der Suche nach einer Antwort entstand das Fernsehspiel „Wilhelmsburger Freitag“ (1964), die Vorlage für den Roman „Kalte Zeiten“.

Michael Töteberg beleuchtet in seinem Nachwort erstmals das Schaffen Christian Geisslers als Autor von Fernsehspielen und Dokumentarfilmen.

Christian Geissler wurde 1928 in Hamburg geboren. Nach einem nie abgeschlossenen Studium der Theologie, Philosophie und Psychologie in Hamburg, Tübingen und München arbeitete er ab 1956 als freier Schriftsteller. Geissler arbeitete u. a. beim NDR, war Mitherausgeber der linken Literaturzeitschrift Kürbiskern, Dokumentarfilmer und Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Neben seinem Debüt »Anfrage« (1960) ist »kamalatta« (1988) sein bekanntester Roman. Er lebte zumeist in Hamburg und Ostfriesland und starb am 26. August 2008. Außer seinen Romanen veröffentlichte Geissler zahlreiche Hörspiele, Dokumentarfilme und Lyrik-Bände.

Vlado Kristl, Noch immer nichts

Das neue Jahr beginnt mit einem neuen Buch, für das die Lektorin die Begleittexte lektoriert hat:

Vldao-Kristl-FIN.inddVlado Kristl
Noch – immer nichts
Herausgegeben von Wolfgang Jacobsen
Broschur, 128 Seiten, vierfarbige Abbildungen
Preis: 26,00 €
ISBN: 978-3-95732-079-7

Vlado Kristls Briefe entziehen sich den Regeln der klassischen Korrespondenz, dienen allein dem Zweck, sie um eine Kristl’sche Dimension zu erweitern. Sie mischen Bericht und Mitteilung, Prosa und Lyrik, Polemik und Suada – oder sind gezeichnete Botschaften. Auch geben sie Auskunft über die Bedingungen und Grenzen von Kristls Leben und Schaffen. Mit seinem künstlerischen Furor steht immer er selbst im Mittelpunkt. Und doch weist alles über ihn hinaus auf die Existenz des Künstlers schlechthin.

In seinen Briefen und sonstigen schriftlichen Annoncen, die hier erstmals in einer Auswahl vorgestellt werden, ist Vlado Kristl als ein verbaler Verführer erkennbar. Reportage, Forderung, Zornesausbruch stehen neben Rätseln, Wort- und Sinnspielen. Häufig beehrt Kristl seine Adressaten mit handschriftlichen Briefen. Die Schrift rahmt sich selbst mit Girlanden. Typoskripte werden mit Zeichnungen versehen, mit farbigen Stiften bessert der Autor nach. Und in die Worte fügen sich – mitten ins Herz des Papiers oder an den Rändern platziert – Skizzen. Eine Nachricht kann auch als bloße Zeichnung daherkommen. Der Empfänger ist aufgefordert, sie zu dechiffrieren.

Empfänger dieser Briefe, in diesem Band als Faksimiles gedruckt, waren unter anderem Mitglieder seiner Familie, aber auch Freunde wie die Publizisten Uwe und Petra Nettelbeck, der Filmemacher Dieter Reifarth oder der Verleger Ernst Brücher.

Aras Ören, Kopfstand

Ein Tag, zwei Bücher. Und dieses wunderschöne Buch von Aras Ören hat auch ganz tolle Bilder!

Cover_Ören_KopfstandKopfstand
Aras Ören
mit vierfarbigen Illustrationen von Wolfgang Neumann, aus dem Türkischen übersetzt von Cornelius Bischoff
Leinen mit Lesebändchen, 144 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-95732-015-5

Die Titelerzählung spielt zur Zeit des Golfkrieges, 2003: Ein Mann erfährt, dass er erblinden wird, wenn er sich daran gewöhnt, die Dinge aus der Sicht eines anderen zu betrachten – dann ruft George W. Bush an und die Wohnung explodiert! Ein anderer Text handelt von einer Frau, die in einer Kneipe nach und nach alle Männer mit einem Wollfaden umwickelt. In der Toskana wiederum finden schießwütige Männer plötzlich ein neues Opfer – den Erzähler!

In Aras Örens Geschichten geht es immer darum, wie sich Literatur verselbständigt, wie der Erzähler den Erzählfaden verliert, und dass das, was ist, nicht das ist, was berichtet werden will. Der große Dichter und Erzähler Ören meldet sich mit diesem Band nach über zehn Jahren wieder in der deutschen Literatur zurück!

Alle Texte in „Kopfstand“ werden erstmals auf Deutsch publiziert oder waren bislang nur in Kleinstauflagen erhältlich. Sie wurden eigens für diesen Band gründlich überarbeitet und von dem Maler Wolfgang Neumann kongenial illustriert.

Aras Ören wurde 1939 in Istanbul geboren. Er arbeitete als Schauspieler und Dramaturg an verschiedenen Bühnen. Seit 1969 lebt er in Berlin. Er war Redakteur des SFB und Leiter der türkischen Redaktion von Radio Multikulti des RBB. 1981 erhielt er die Ehrengabe der Bayrischen Akademie der Schönen Künste, 1985 wurde Aras Ören mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet, und 1999 hatte er eine Poetik-Dozentur an der Universität Tübingen inne. Seit 2012 ist er Mitglied der Akademie der Künste, Berlin. Ören schreibt auf Türkisch und arbeitet bei der Übersetzung seiner Werke ins Deutsche mit. Einige seiner Werke erschienen zuerst auf Deutsch.
Werke u. a.: „Was will Niyazi in der Naunynstraße“ (1973), „Privatexil“ (1976), „Deutschland. Ein türkisches Märchen“ (1978), „Bitte nix Polizei“ (1981), „Berlin-Savignyplatz“ (1995) und „Sehnsucht nach Hollywood“ (1999).

Wolfgang Neumann, 1977 geboren, studierte von 1998 bis 2003 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Malerei bei Prof. Baumgartl und Prof. Güdemann und von 2003 bis 2004 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Verbreiterungsfach Intermediales Gestalten. Er lebt und arbeitet bei Stuttgart. Zahlreiche Ausstellungen und Publikationen.

Das Wunder in der Schuheinlegesohle

Aus der Zusammenarbeit der Lektorin mit der Nationalgalerie, Staatliche Museen Berlin ist dieser traumhafte Katalog hervorgegangen, der jetzt im Verbrecher Verlag erschienen ist:

Katalog_Prinzhorn_SchuhEinlegeSohle_COVER_PresseDas Wunder in der Schuheinlegesohle. Werke aus der Sammlung Prinzhorn
Für die Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin und die Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, herausgegeben von Kyllikki Zacharias
Klappenbroschur, 168 Seiten, zahlreiche vierfarbige Abbildungen
Preis: 29,80 €
ISBN: 978-3-95732-073-5

Mit einer Auswahl von rund 120 Meisterwerken gibt dieser Katalog einen beeindruckenden Überblick über die von Hans Prinzhorn zusammengetragene Sammlung, auf deren Grundlage er 1922 sein Buch „Die Bildnerei der Geisteskranken“ publizierte. Prinzhorn, selbst promovierter Kunsthistoriker und Arzt, entwarf darin eine allgemeine Theorie der Gestaltung, die sich mit den psychischen „Wurzelbereichen“ des Schöpferischen auseinandersetzte – ein Thema, das auch die Künstler der Zeit stark beschäftigte. Expressionisten und  Künstler im Umkreis des „Blauen Reiter“ waren an der emotionalen und seelischen Komponente des Künstlerischen ebenso interessiert wie der Spätsymbolist Alfred Kubin oder die Surrealisten.

Die Surrealisten – die im Zentrum der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg stehen, in der die Ausstellung „Das Wunder in der Schuheinlegesohle“ ab November 2014 zu sehen ist – haben den „Wahnsinn“ gar zu einem ihrer Ideale erklärt: 1924 pries ihr Wortführer André Breton im „Ersten Manifest des Surrealismus“ die alles überwindende Kraft des Wahnsinns. Salvador Dalí nutzte in seiner „paranoisch-kritischen Methoden“ die wahnhafte Phänomene als Mittel „irrationaler Erkenntnis“.

Der Umstand, dass alle Werke der Sammlung Prinzhorn ohne den Einfluss von Psychopharmaka und fernab jeglicher therapeutischer Maßnahmen entstanden sind, trägt bis heute zu ihrer besonderen Faszination bei. Sie erzählen uns von den Versuchen, mit den Mitteln der Imagination Kontrolle über eine aus den Fugen geratene Welt zu erhalten. Die Welt wird gedeutet, Nachrichten werden empfangen und weitergeleitet, alte Ordnungen zerstört und neue geschaffen, Unheimliches gebannt, Visionen erklärt. Hier sind die Feldzüge Napoleons ebenso bedeutsam wie die Schweißflecke in einer Schuheinlegesohle.

Die Ausstellung ist vom 27. November 2014 – 6. April 2015 in der Sammlung Scharf-Gerstenberg (Schloßstraße 70, 14059 Berlin) und vom 30. April – 15. August 2015 im Museum Sammlung Prinzhorn (Voßstraße 2, 69115 Heidelberg) zu sehen